Experteninterview Reizdarmsyndrom und Stress

Wenn Kopf und Darm sich gegenseitig stressen –
Wirksame Wege Stress und Beschwerden zu reduzieren

Viele Reizdarm-Betroffene kennen das Gefühl, dass stressige Situationen auf den Darm schlagen können. Besonders die aktuelle Situation verlangt viel von uns ab und kann das Stresslevel nochmal erhöhen – ein Teufelskreis.
Wie Stress, gereizte Nerven und Darmbeschwerden sich gegenseitig beeinflussen können und wie man im Alltag zu mehr Gelassenheit und Wohlbefinden findet, erklärt der Psychologe Bernhard Adelberg.

 

 

 

 

Bernhard Adelberg
Heusenstamm
Diplom-Psychologe

Herr Adelberg, warum kann Stress Reizdarmsymptome begünstigen?

Herr Adelberg: Nach über 20 Jahren eigener Praxiserfahrung und aufgrund aktueller Forschungsergebnisse lässt sich ziemlich sicher sagen, dass Stress die individuelle Symptomatik deutlich verstärken kann. Im Umkehrschluss bedeutet das dann, dass jede Form der Stressreduktion sich günstig auf die körperliche und seelische Befindlichkeit auswirkt.

Dem Darm kommt hierbei eine wichtige Rolle zu. Über die sogenannte „Darm-Hirn-Achse“ kommunizieren Gehirn und Psyche mit dem Darm und umgekehrt. Bemerkenswert ist, dass der Informationsfluss vom Darm zum Gehirn nahezu 90% ausmacht. Das bedeutet, dass Veränderungen der Darmflora, deren Ursachen sehr vielfältig sein können, sogar dann noch negative Auswirkungen auf die körperliche und seelische Symptomatik erzeugen können, wenn die eigentlich stressige Situation längst vergangen ist. Patienten berichten dann oft, dass sie eine anhaltende innere Unruhe, Schlafstörungen und Antriebslosigkeit oder verstärkte Ängstlichkeit neben ihren bekannten Darmbeschwerden erleben.

Welche therapeutischen Maßnahmen empfehlen Sie Ihren Patienten zur Bewältigung stress-assoziierter Reizdarmsymptome?

Herr Adelberg: Was wir in diesen Tagen sicher alle gut gebrauchen können, ist ein effizientes Stressmanagement. Meine Patienten frage ich immer zu Beginn, woran sie spüren werden, dass eine Maßnahme wirklich funktioniert. Dann höre ich oft: „Wenn ich morgens ausgeschlafen bin, einmal auf Toilette gehe, meinen Bauch vergesse und einfach meine Arbeit machen kann!“. Hier hat sich ein ganzheitlicher Ansatz in der Praxis bewährt, wobei zu beachten ist, dass die Maßnahmen zu den Menschen passen müssen. Es sollte zwischen allgemeinen und individuellen Maßnahmen differenziert werden.

Individuell sollte man schauen, welche Stressoren im Alltag im Vordergrund stehen. Fällt es beispielsweise schwer, sich in Job oder Partnerschaft abzugrenzen und auch mal Nein zu sagen? Nehme ich bei Konflikten immer alles persönlich? Dies gilt es zu erkennen und herunter zu regulieren. Dabei helfen verhaltenstherapeutische Techniken, wie z.B. „Gedankenstopp“ und das Einüben lösungsorientierter Kommunikation.

Zu den allgemeinen Maßnahmen zählen Entspannungstechniken wie Autogenes Training, Meditation, medizinische Hypnose, aber auch Qigong, Yoga sowie körperliche Bewegung und regelmäßiger Ausdauersport sind hilfreich, um Unruhe, Anspannung und Stress abzubauen. Und natürlich spielt auch die Ernährung eine entscheidende Rolle!

Sie sagen, dass Ernährung bei Stress eine wichtige Rolle spielt. Was können Reizdarmpatienten beachten?

Herr Adelberg: Die Erfahrung zeigt, dass die Reduktion von Nahrungsmitteln, die bestimmte Zucker – und Alkoholverbindungen enthalten („FODMAP“), die Symptomatik deutlich verbessern kann. Diese Form der Ernährung stellt allerdings nur eine kurzfristige Maßnahme dar.

Kurmäßig empfehle ich daher immer die Einnahme von Probiotika und Mikronährstoffen, da wir ja wissen, dass Stress unsere Mikrobiota verändert und zu einer Unterversorgung mit Vitaminen und Mikronährstoffen führen kann. Spezielle Probiotika unterstützen eine ausgewogene Zusammensetzung der Mikrobiota, die dann entzündungshemmende Stoffe produziert und die Darmbarriere stabilisiert. Wichtig: Hierbei sollte nur auf studiengeprüfte Bakterienstämme und Produkte, die möglichst frei von belastenden Zusatzstoffen sind, zurückgegriffen werden. Gute Erfahrungen habe ich beispielsweise mit dem Stamm Lactobacillus plantarum 299v gemacht.

Auch eine Substitution von Mikronährstoffen wie Vitamin D, B-Vitamine und Calcium gehört immer dazu. Begleitend haben sich auch Heilpflanzentees mit Kümmel, Fenchel, Anis und Pfefferminze in der symptomatischen Behandlung gut bewährt.

Können Sie abschließend verraten, mit welchen einfachen Tipps sich die Maßnahmen leicht in den Alltag integrieren lassen?

Herr Adelberg: Sind Sie bereit, aktiv etwas für Ihre Gesundheit zu tun? Forschungsergebnisse haben gezeigt, dass proaktives Verhalten – und Problemlösen, sowie eine positive Grundhaltung die wichtigsten Vorhersagevariablen für eine erfolgreiche Krankheitsbewältigung sind. Wenn es also gelingt, Vertrauen in die therapeutischen Maßnahmen und sich selbst zu finden, steht einer Verbesserung der Lebensqualität nichts mehr im Wege.

Tipp Nr. 1: Fünfzehn Minuten früher aufstehen und ein passendes Probiotikum nüchtern einnehmen.

Tipp Nr. 2: Anschließend eine Viertelstunde Qigong machen. Im Internet z.B. nach der „Wudang – Meisterübung“ schauen und diese mindestens zehn Minuten achtsam durchführen. Dabei langsam durch die Nase ein- und wieder ausatmen. Diese Kombination entspannt Körper und Seele und sorgt für einen guten Start in den Tag.

Tipp Nr. 3: Auf gute Selbstorganisation achten. Priorisierung von anstehenden Aufgaben. Was ist heute dringend und wichtig? Das wird zuerst erledigt. Unbedingt Zeitdiebe ausschalten, wie z.B. Messenger-Dienste und Social Media.

Tipp Nr. 4: Weitestgehender „Newsverzicht“ tagsüber, auch wenn es schwerfällt. Häufiger Nachrichtenkonsum demotiviert nachweislich und verstärkt negatives Denken und erhöht den Stresslevel, was sich als Teufelskreis entpuppen kann.

Tipp Nr. 5: Belohnen Sie sich nicht mit Essen, sondern mit schönen Aktivitäten. Ideal ist moderater Ausdauersport in der Natur, wie Laufen, Walken, Spazierengehen.

Tipp Nr. 6: Holen Sie sich professionelle Hilfe (Arzt, Psychologe, Heilpraktiker), wenn Sie feststecken. Es ist ein Zeichen von Stärke und Selbstfürsorge, wenn Sie sich beraten lassen, um Ihre Ziele schneller zu erreichen

 

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